Das Rätsel der Flannan-Inseln
Ein Licht, das erloschen war
Am 15. Dezember 1900 stellte der Kapitän des Passagierdampfers Archtor fest, dass das Licht des Eilean Mòr Leuchtturms auf den Flannan-Inseln nicht brannte. Die Flannan-Inseln – auf Gälisch Na h-Eileanan Flannach, auch bekannt als die Seven Hunters – liegen 32 Kilometer westlich der Isle of Lewis, dem nördlichsten Teil der Äußeren Hebriden, mitten im Nordatlantik. Ein erloschenes Leuchtfeuer an einem so exponierten Standort war mehr als eine Unannehmlichkeit; es war ein Notfall.
Eilean Mòr hatte seinen Leuchtturm erst 1899 erhalten – das Feuer war gerade einmal ein Jahr in Betrieb. Der Turm, entworfen von David Alan Stevenson und gebaut von der Baustelle auf den Flannan-Inseln in einer mehrjährigen Arbeitsphase, war einer der zuletzt eröffneten Türme des Northern Lighthouse Board vor der Jahrhundertwende. Drei Wärter wurden normalerweise auf der Insel stationiert: Thomas Marshall, Donald McArthur und der Principle Keeper James Ducat.
Ankunft des Versorgungsschiffs Hesperus
Das Northern Lighthouse Board-Schiff Hesperus konnte aufgrund schwerer See erst am 26. Dezember 1900 an der Insel anlegen – elf Tage nach dem Erlöschen des Feuers. Was die Besatzung vorfand, gehört seitdem zu den ikonischen Geheimnissen der Seefahrtgeschichte.
Das Versorgungsschiff ankerte, aber niemand kam zum Landungssteg. Bootsmann Joseph Moore wurde mit einem Beiboot zur Insel gebracht. Er fand das Tor zum Leuchtturmgelände geschlossen, aber nicht abgeschlossen. Im Turm selbst brannte die Asche im Herd – das Feuer war längst erloschen. Das Mittagessen stand auf dem Tisch; ein Stuhl war umgeworfen. Die Schicht-Logbücher enthielten Einträge bis zum Morgen des 15. Dezember. Die drei Männer waren spurlos verschwunden.
Die offizielle Untersuchung des Northern Lighthouse Board unter Robert Muirhead ergab, dass die Männer wohl durch eine Sturmwelle von der West Landing platform der Insel weggespült worden waren. Die Westseite der Insel hatte sichtbare Sturmschäden: Eisenringe aus dem Fels gerissen, Sturmgüter aus dem Lagergebäude weggetragen, ein Felsbrocken von rund einer Tonne von seinem ursprünglichen Platz bewegt. Die Beweislage sprach für einen Unfall.
Was die Logbücher sagten
Die letzten Einträge im Leuchtturmlogbuch, die James Ducat oder Thomas Marshall verfassten, beschrieben außergewöhnliche Wetterbedingungen. Ein Eintrag vom 12. Dezember vermerkte 'severe winds', ein weiterer vom 13. beschrieb 'worse than I have ever seen'. Am 15. Dezember hörten die Einträge auf.
Diese Einträge wurden von späteren Kommentatoren gelegentlich in Frage gestellt – die Formulierungen erschienen manchen untypisch für nüchterne Leuchtturmlogbücher und klangen nach nachträglicher Dramatisierung. Es gibt tatsächlich Hinweise, dass die wortgetreue Überlieferung dieser Einträge in der Presse des frühen 20. Jahrhunderts nicht immer zuverlässig war; die Originallogbücher sind nicht mehr vollständig erhalten, und einige der am meisten zitierten Passagen lassen sich nicht eindeutig verifizieren.
Was eindeutig belegt ist: Am 15. Dezember 1900 waren drei Männer verschwunden. Das Feuer war erloschen. Es gab keine Spuren eines Verbrechens, keine Zeichen einer geplanten Abreise, keine Anzeichen, dass die Männer die Insel freiwillig verlassen hatten.
Die Theorie der Sturmwelle
Muirheads offizielle Erklärung – Absturz durch eine Sturmwelle auf dem Westlandesteg – ist bis heute die wahrscheinlichste. Die West Landing auf Eilean Mòr liegt an einer Seite der Insel, die dem offenen Atlantik zugewandt ist. Bei bestimmten Windrichtungen können sich Druckwellen aufbauen, die Felsen und Klippen scheinbar ohne Vorwarnung überrollen. Solche Ereignisse sind an der schottischen Westküste dokumentiert und gefürchtet.
Die Theorie erklärt auch die Sturmschäden auf dem Westgelände: Die Männer könnten versucht haben, Ausrüstung zu sichern, die durch eine erste große Welle beschädigt oder weggespült worden war, als eine zweite, noch größere Welle sie überraschte. Die umgekippte Stuhlseite im Wohnbereich – wenn dieser Befund überhaupt zuverlässig dokumentiert ist – könnte bedeuten, dass Ducat eilig aufgestanden war, als ein Wärter die Situation meldete.
Kulturelles Nachleben eines Rätsels
Kein Geheimniss der schottischen Seefahrtsgeschichte hat mehr kreative Energie angezogen als das Verschwinden der drei Flannan-Wärter. Wilfred Wilson Gibson schrieb 1912 sein Gedicht 'Flannan Isle', das eine spannungsvolle, wenn auch nicht historisch genaue Version der Geschichte erzählt. Das Gedicht wurde vielfach abgedruckt und ist Teil des englischen Literaturkanons geworden.
Im Jahr 2018 erschien der Kinofilm 'The Vanishing' (im deutschen Sprachraum unter demselben Titel, teilweise auch als 'Der Leuchtturm') mit Peter Mullan, Gerard Butler und Martin Compston. Der Film bietet eine fiktive Erklärung des Rätsels, die mit dem historischen Befund nichts zu tun hat, aber die öffentliche Bekanntheit der Geschichte beträchtlich erneuerte. In Großbritannien, Irland und Schottland wird die Geschichte regelmäßig in Rundfunk- und Fernsehdokumentationen behandelt.
Das Verschwinden ist auch Teil eines größeren Mythos um die Flannan-Inseln selbst. Die Inseln galten in gälischer Überlieferung als heilig – sie waren nach dem heiligen Flannan von Killaloe benannt, einem irischen Bischof des 7. Jahrhunderts. Schafe, die auf den Inseln weideten, sollten keine normale Wolle haben; Fischer, die an den Inseln vorbeifuhren, sollen traditionell geschwiegen haben, um das Übernatürliche nicht zu provozieren. Diese mythologische Aufladung hat das Verschwinden von 1900 in eine Erzählung eingebettet, die weit über das Nautische hinausgeht.
Eilean Mòr heute
Der Leuchtturm auf Eilean Mòr ist noch immer aktiv, längst automatisiert. Das Northern Lighthouse Board hat ihn in den 1970er Jahren ohne Besatzung weiterbetrieben. Das Licht – heute eine LED-Einheit mit Solarbatterie-Versorgung – sendet sein Iso-Blitzfeuer mit einer Tragweite von 20 Seemeilen über den Nordatlantik, wie es seit 1899 der Fall ist.
Die Insel ist nur schwer zugänglich. Es gibt keinen regulären Fährverkehr; Besuche sind nur per Charterboot möglich, und die Landung hängt von der See ab. Touristische Angebote sind selten und wetterabhängig. Der Leuchtturm selbst, das Wohngebäude und die Lagerräume sind weitgehend unverändert seit der Epoche der bemannten Stationen.
Wer die Lage der Flannan-Inseln und anderer abgelegener schottischer Leuchttürme auf einer Karte erkunden möchte, findet auf Karte öffnen alle Stationen des Northern Lighthouse Board – von den Flannan-Inseln im Westen bis Muckle Flugga, dem nördlichsten Leuchtfeuer Großbritanniens, und dem Chicken Rock auf der Isle of Man im Süden. Die Karte erzählt eine Geschichte von Isolation, Ingenieurskunst und dem stillen Pflichtbewusstsein der Männer und Frauen, die einst diese Lichter hüteten.